
Es war einmal – in einem herrlichen Sommer überdies – eine Kuhherde gemütlich am Grasen, manche verteilten sich malerisch über die Grasfläche, manche tendierten dazu, eher in Grüppchen beisammenzustehen und wenn eine Kuh muhte, so taten ihr die anderen das gleich, einen Grund dafür brauchten sie nicht.
Da wir in dieser Geschichte die industrielle Viehhaltung komplett ignorieren, hatte die Herde auch ihren Frieden, es gab keinerlei Probleme und von Geopolitik verstehen Kühe nur in ganz bestimmten Situationen etwas, die ganz sicher nicht in ein Märchen passen, dennoch möchte der Autor darauf hinweisen, dass derartige Situationen genauso überflüssig wie unfair gegenüber den Kühen sind.
Jedenfalls, in unserer Herde befand sich eine Kuh – nennen wir sie Annemuhrie – die etwas talentierter zur Welt kam als der Rest der Herde. Sie war einfach schlauer als die durchschnittliche Kuh und in der Zeit, in der unsere Geschichte stattfindet, auch ein wenig genervt von den immer sich ähnelnden Gesprächen auf der Weide, man erzählte sich, wo sich ein besonders großes Grasbüschel versteckte, auf welcher Seite der Tränke noch kein Fladen schwamm, und was man so auf der anderen Seite des Zaunes erspäht hatte, was nicht viel war. Ein paar andere Tiere, manchmal kaum der Bauer vorbei, manchmal die Bäuerin, manchmal der Metzger (darüber sprach man aber aus Prinzip nicht gerne), manchmal ein Wanderer, manchmal einfach niemand.
Den Zaun muss man denjenigen, die aus einer Region mit höherer Bevölkerungsdichte stammen, auch erklären, denn ein moderner Zaun für Kühe ist elektrisch. Das bedeutet, in einer bestimmten Höhe – je nach Rinderart – befindet sich ein Draht, durch den in regelmäßigen Abständen ein elektrischer Impuls geleitet wird. Berührt eine Kuh diesen Draht, zum Beispiel mit der feuchten Nase, lernt sie etwas über Physik, denn der Draht läuft auf Isolatoren, was in dem Moment, in dem die Kuh zu neugierig wird, dazu führt, dass ein Stromimpuls durch die Kuh in den Boden geleitet wird.
Wie Sie sich sicher vorstellen können, macht eine Kuh so etwas meist nur einmal, viele probieren es einfach gar nicht, da sie instinktiv meiden, was die anderen meiden. Das ist wie das Experiment mit den Affen, der Leiter, und der Banane – manchmal existieren Traditionen, und keiner weiß mehr, warum es jene Tradition überhaupt gibt.
Unsere Heldin allerdings, Annemuhrie, wusste, dass es heutzutage gilt, Traditionen kritisch zu hinterfragen. Zudem war ihr aufgefallen, dass es auf der anderen Seite des Zaunes eine wunderbar ungefressene Wiese gab, die sich grün und saftig in der Sonne wölbte. Da wollte sie unbedingt hin, denn nicht nur schien das Gras dort grüner, es hatte dort auch ihres Wissens nach noch keine andere Kuh einen Fladen gelegt oder sich anderweitig erleichtert, was sehr dafür sprach, dieses Gras zu fressen und nicht jenes.
Nur der Zaun war ein Problem. Oben soeben beschriebene Lektion in Elektrizität ist aus Sicht unserer Kuh nun ihr größtes Problem, wie sie geschockt feststellen musste. Sie entschied sich, einfach den Zaun entlang zu gehen, und nach einer Lücke zu suchen. Daran merkt man, dass sie für eine Kuh relativ klug war, aber immer noch nicht wusste, dass ein Stromkreislauf mit Lücke kein Kreislauf ist, also bei positivem Stromtest davon auszugehen sein könnte, dass es keine Lücke im Zaun gibt. Übrigens, in unserem Fall bestand dieser Zaun nur aus einem Draht, da der Bauer etwas geizig war und diese Herde über Generationen hinweg keinen einzigen Fluchtversuch gewagt hatte, es schien sogar, als wären diese bestimmten Kühe besonders territorial, so mieden sie die Ecken. Das hatte den Grund, dass sich eine Kuh vor zwei Generationen mal in einer Ecke umdrehte und aus Versehen mit dem Schwanz den Zaun berührte, was dazu führte, dass sie laut muhte, sehr laut sogar, und es die anderen ihr nachtaten, wodurch sich die ursprüngliche Kuh ungehört fühlte und lauter muhte, wonach es ihr die anderen nachtaten, das ging so eine Weile und man war insgesamt heiser die folgenden Tage. Seitdem hatten Ecken einen schlechten Ruf in der Herde.
Annemuhrie hatte nun die recht großzügige Weide einmal umrundet und fand keinen Ausgang, es schien, als wäre der Traum vom unbeodelten Graß unerreichbar für die ambitionierte Paarhuferin. Glücklicherweise aber saß genau an jenem Tag ein Vogel auf dem Weidezaun, auf dem gefährlichen Draht! Das kam der Kuh widersprüchlich vor, hatte sie nicht vorhin einen unangenehmen Schock erlitten, der Vogel aber saß da völlig unbeeindruckt, entweder ungeschockt oder ein Masochist, was unter Vögeln recht selten ist. Diese Überlegung führte zu einer recht vorhersehbaren Frage der Kuh an den Vogel:
– Hey Vogel.
– Ja, Kuh?
– Warum bekommst du keinen Stromschlag?
Der Vogel seufzte, die Frage war weit unterhalb dessen, worüber er gerne reden wollte, aber was sollte man von einer Kuh schon erwarten.
– Weil ich nicht geerdet bin?
– Geerdet?
Der Vogel seufzte, so gerne würde er sich mal über Eisenbahnen austauschen, stattdessen musste er einer Kuh sein erstes Lehrjahr erklären.
– Geerdet. Mit der Erde verbunden, physisch. So, dass der Strom fließen kann. Bin ich nicht, wie du sehen kannst.
Die Kuh muhte, sie wusste nicht warum, Kühe tun das einfach mal. Der Vogel ahnte, dass sie keine Ahnung hatte, was Erdung war. Glücklicherweise war der Vogel von Beruf Elektriker und hatte keinerlei Probleme, der Kuh zu erklären, was es mit einem Stromkreislauf auf sich hatte, an dieser Stelle wird auf Wiederholung der obigen Beschreibung zugunsten des Lesers allerdings verzichtet, da es für diese Geschichte letztendlich egal ist.
-… auf jeden Fall musst du dich irgendwie isolieren, ich empfehle Gummischuhe, vier an der Zahl.
– Weißt du, wo ich vier Schuhe herbekomme?
– Keine Ahnung, wie gesagt bin ich Elektriker.
So blieb Annemuhrie nichts weiter übrig, als weiter den Zaun entlang zu gehen, und nach Schuhen zu suchen, es bestand ja die Hoffnung, dass der Bauer und die Bäuerin – beide des Öfteren in Gummistiefeln unterwegs – genau die benötigte Anzahl zurückgelassen hatten. Unterwegs traf die Kuh auf einen Frosch.
– Ey, Frosch.
– Ja?
– Weißt du, woher ich vier Gummistiefel bekomme?
– Wie der Zufall so will, bin genau ich Schuhverkäufer, um genauer zu sein, verkaufe ich ausschließlich Schuhe für Paarhufer und Paarhuferinnen.
– Was ist denn ein Paarhufer?
– Du bist ein Paarhufer.
– Was für ein Zufall, dann passt ja alles! Vier Schuhe bitte.
– Gerne, das macht 46,90 EUR.
Die Kuh muhte, aber diesmal wusste sie, warum.
– Ich habe aber gar kein Geld, ich bin eine Kuh.
– Das ist keine Ausrede, ich bin Frosch und Franchise-Owner.
– Was ist denn ein… Egal. Wie kommt man an Geld?
Der Frosch dachte eine Weile nach, und entschied sich dann, seine erste Idee nicht mit der Kuh zu teilen, weil er sich gerade in einem Märchen befand, und der Gattung der Frösche keinen Rufmord antun wollte.
– Am besten, du leihst dir Geld.
– Na dann tue ich das mal. Muh.
So ging Annemuhrie von dannen und suchte nach jemandem, der so aussah, als würde er Geld verleihen. Zuerst kam sie am Vogel vorbei.
– Hey Vogel.
Der Vogel seufzte. So gerne würde er sich über etwas anderes als Elektrik unterhalten.
– Ja?
– Kannst du mir 46,90 EUR leihen?
– Klar, hier.
Der Vogel gab der Kuh 46,90 EUR. Die Kuh war nun wirklich überrascht, wie viele Zufälle an diesem Tage mit ihr geschahen. Es konnte ja nur gut werden, da auf der anderen Wiese, denn eine ungesehene Kraft schien ihr immer dann zu helfen, wenn es ein Problem gab. Dass Märchen recht schnell vorangehen müssen, um zu ihrem Ziel, der Moral von der Geschichte, zu kommen – und dass zu diesem Zeitpunkt selbst dem Autor noch nicht klar war, wohin das alles führen sollte – das wusste eine Kuh nun wirklich nicht, selbst eine überdurchschnittliche Kuh wie Annemuhrie.
– Brauchst du das Geld nicht selbst?
– Ich bin Elektriker du Genie. Bei mir kosten 15 Minten Anfahrt 80 Euro. Die 46,90 sind mir sehr egal. Außerdem bin ich ein Vogel, geringe laufende Kosten.
– Das ist ja dufte.
Der Vogel seufzte. Gerne würde er sich mit Personen unterhalten, die das Wort „dufte“ nicht verwenden, aber so viel Glück hatte er an diesem Tag anscheinend nicht.
– Wann brauchst du das Geld wieder?
– Mach dir keinen Kopf. Empfehle mich einfach dem Bauern, wenn der mal was an Elektrik braucht. Ich mach‘ auch Trockenbau. Und Gedichte, aber das ist nur so’n Ding für mich, weißt du.
Der Vogel verpasste der Kuh seine Visitenkarte, die fortan, den Rest der Geschichte, auf einem der Hörner der Kuh stecken würde, in der Hoffnung, der Bauer würde das unbekannte Objekt auf seiner Kuh entdecken, und den Vogel engagieren, am besten für ein EU-gefördertes Photovoltaikprojekt, da gab es viel Geld für wenig Arbeit.
– Echt stark von dir Vogel, vielen Dank.
Höflich war sie, die Kuh, das musste man ihr lassen. Auch selten, heutzutage, dachte der Vogel und flog zum Bahnhof, um zu sehen, ob die Krähen Lust hatten, andere Themen zu besprechen, zum Beispiel Züge.
Die Kuh ging nun schnurstracks zum Frosch zurück, der etwas enttäuscht aussah, dass sie nun das Geld hatte (man sollte Fröschen nicht trauen) und erwarb 4 Gummistiefel für Paarhuferinnen.
Spannend war es dennoch, als sie sich unter dem Elektrozaundraht hindurchdrückte, immerhin war es durchaus möglich, dass der Vogel keine Ahnung hatte und nur ein sehr geschickter Erzähler war. Doch, zum Glück unserer abenteuerlichen Paarhuferin hatte der Vogel in der Berufsschule aufgepasst und Recht, Annemuhrie konnte sich ungeschockt aus der Weide absetzen.
Es war, wie sie es sich vorgestellt hatte. Das Gras hatte seit Jahren ungestört – vom Muhen mal abgesehen – gedeihen können, es war saftig, ohne Fußabdrücke und vor allem ohne Hinterlassenschaften anderer Kühe. Annemuhrie war dem Paradies so nahe, wie eine Kuh dem Paradies nahe sein konnte. Stundenlang suchte die die schönsten Büschel Gras und senkte den glücklichen Kopf hinein, es entwischte ihr sogar ein zufriedenes Muhen, denn dazu hatte sie allen Grund.
Irgendwann aber kommt zum Hunger der Durst hinzu. Annemuhrie blickte nach links, dort befand sich die Weide, dann nach rechts, dort befand sich ein Wald. Sie dachte eine Weile nach und entschied sich dann, einfach wieder unter dem Zaun hindurchzuschlüpfen und den Trog auf der Weide aufzusuchen. Es war aber so, dass die anderen Kühe sehr wohl gesehen hatten, dass sich eine von ihnen abgesetzt hatte und eine eigene Weide genossen hatte. Das war genauso untypisch wie ungerecht, so einigte man sich schnell. Sie hatten Fragen und Kommentare, die Herde sammelte sich um die zurückkehrende Annemuhrie und es prasselten Worte auf unsere Heldin hinab.
– Wegen dir bekommen wir jetzt Ärger!
Annemuhrie sah das anders.
– Wieso, die Bauern sind nicht hier und der Schäferhund ist in Urlaub!
Eine weitere Kuh eröffnete die nächste Runde:
– Wie hast du das gemacht?
Annemuhrie hoffte, dass ihre Schuhe nicht bemerkt worden waren, aber einerseits waren vier Gummistiefel an einer Kuh sehr auffällig, und andererseits war sie zu diesem Zeitpunkt die einzige Kuh auf dem Planeten, die Grundkenntnisse in Elektrik vorzuweisen hatte, musste sich also keine Sorgen machen, da die Schuhe vom Rest der Herde einfach als modischer Fehlgriff der rebellischen Kuh gesehen wurden.
– Das werde ich euch sicher nicht sagen, das ist MEINE Weide!
– Ist der Zaun nicht mehr böse?
Diese Theorie wurde recht schnell widerlegt, als eine weitere Kuh – gut geerdet – die Schnauze an den Zaun hielt, das Ergebnis war ein lautes Muhen, das von den anderen Kühen reflexartig wiederholt wurde, sodass das Gespräch einige Minuten lang unterbrochen war.
– Nein, nur ich kann unter dem Zaun durch. Und wie ich das kann sage ich euch nicht! Das ist MEINE Weide da drüben, versucht es gar nicht.
Die Herde steckte die Köpfe zusammen, während Annemuhrie sich trollte und den Trog aufsuchte, all das Gerede hatte ihren Durst schon sehr verstärkt. In der Herde entstand ein waghalsiger Plan: Annemuhrie stand fortan unter Beobachtung, sobald sie ihren Trick erneut aufführen würde, wäre immer eine andere Kuh als Beobachterin eingeteilt. Gerade, als man sich den Tag auf 30 Kühe aufteilte, denn so viele Kühe standen als Beobachterinnen zur Verfügung, hörte man ein Muhen, ein lautes sogar.
Annemuhrie hatte sich schnurstracks wieder auf ihre Weide trollen wollen, aber der Zaun hatte sie geschockt! Was Annemuhrie nicht beachtet hatte, auch aus Unkenntnis, war, dass ihre Schuhe am Trog nassgeworden waren und nun sehr wohl erdeten. Annemuhrie war wieder eine normale Kuh. In der Herde herrschte hämisches Gelächter, man war sich sicher, die rebellische Kuh würde sich nun in ihr Schicksal fügen und genau demjenigen Tagesrhythmus nachgehen, den sie so sehr wünschte hinter sich zu lassen. Es blieb ihr nicht anderes übrig, als wieder den Zaun entlang zu gehen und Informationen zu finden, während die anderen Kühe mal kicherten, mal muhten.
Sie traf zuerst auf den Frosch, der gerade dabei war, sich ein gemütliches Blatt zurechtzulegen und die Störung nicht besonders begrüßte.
– Hey Frosch.
– Ja, Kuh?
– Die Schuhe funktionieren nicht mehr.
– Kannst du darin laufen?
– Ja?
– Dann funktionieren sie.
– Aber der Zaun schockt mich wieder.
– Davon hast du nichts erzählt. Zudem, benutzte Ware nehmen wir nicht zurück, vor allem nicht Ware, die auf einer Kuhweide benutzt und dementsprechend besudelt wurde. Geh weg, ich will schlafen.
– Das ist aber kein guter Kundendienst!
– Hast du beim Schuhkauf jemals einen guten Kundendienst erlebt?
– Stimmt auch wieder. Schönen Tag, noch.
– Dir auch, seltsame Kuh.
Annemuhrie lief demnach einfach weiter, bis sie einen Vogel fand. Es war ein anderer Vogel als der von vorhin, der war ja weitergeflogen um endlich über Züge reden zu können, da er ein Zugvogel war.
– Hey Vogel.
– Ja, gefleckte Kuh?
– Ich hab‘ Flecken?
– Habt ihr alle. Was ist das Problem?
– Ich konnte bis vorhin unter dem Zaun durch dank meiner magischen Schuhe aber die sind nun kaputt und jetzt komme ich aus dieser verdammten Weide mit diesen Schwachmaten hier wieder nicht raus!
– Ah, du bist nass geworden. Geerdet.
– Ah, ja, sowas Ähnliches sagte der andere Vogel.
– Ja, das ist mein Kollege.
– Sind alle Vögel Elektriker?
– Nicht alle, manche sind kriminell, manche arbeiten der Autolackiererei zu, aber die meisten sitzen halt viel auf Überlandleitungen und lernen viel.
– Kannst du mir helfen?
– Nicht nur das, ich kann dir auch beweisen, dass MEIN Elektrofachbetrieb besser ist als der von Arno. Die Schuhe kannst du anlassen, is ne modische Entscheidung. Aber siehst du den Generator da drüben? Da isn roter Knopf dran. Drück den einmal, dann is der Zaun aus, dann geh drunter durch und dann drück ihn wieder sonst stinkt hier alles nach Kuh.
– Und wie komme ich an den Knopf?
– Mit einem Stock?
– Einem was?
– Wow, ihr Kühe habt noch nicht gelernt, was Werkzeug ist?
– Doch, wir kratzen uns mit Besen.
– Einen Besen, junge Frau Kuh, kann man als Stock verwenden, wenn man ihn umdreht.
– Wow, riesen Dank.
-Gerne, hier noch meine Karte. Ich höre, der Bauer will nen Vollelektrischen Traktor kaufen und wir haben sowas im Angebot. Wird von der EU gefördert.
Nun steckte auch auf dem anderen Horn von Annemuhrie eine Karte. So zog sie los, fand den Besen, den der Bauer an den Trog gelehnt hatte, nahm die breite Seite, die sehr schlecht schmeckte, in den Mund und ging zum Generator, alles unter den wachsamen Augen der tuschelnden Herde.
Der Plan war genauso einfach wie erfolgreich, Stock auf Knopf, Kuh unter Zaun durch, warten, bis der Rest der Herde kam, Zaun wieder an, Muhen der anderen genießen. Sie beschwerten sich:
– Annemuhrie, du wirst wirklich Ärger bekommen. Und hier rein lassen wir dich sicher nicht.
– Sieht so aus, als würdet ihr weder kontrollieren, wer hier reinkommt, noch, wer hier rauskommt. Haha.
– Aber verprügeln können wir dich.
– Dann bekommt ihr Ärger. Oder der Bauer bringt mich auf eine eigene Weide.
– Oder zum Metzger! Der opfert lieber eine Kuh als den Frieden der Herde.
Das war tatsächlich eine Möglichkeit, denn ein Bauernhof ist ein wirtschaftlicher Betrieb, kein Ponyhof. Es gab keinen Weg zurück für Annemuhrie, und diesmal schmeckte das Gras auf ihrer Weide etwas weniger gut, denn es war nicht mehr eine Option, sondern alles, was sie hatte. Bald wurde es dunkel und Annemuhrie auch noch durstig.
Es führte kein Weg daran vorbei: Annemuhrie musste in den dunklen Wald und Wasser finden. Bis in die späten Abendstunden suchte sie und verlief sich, was aber kein Problem war, da Kühe in regelmäßigen Abständen den Laufweg markieren und Nasen haben. Aber zurück konnte sie auch nicht ganz, denn da war ja kein Wasser. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als im Wald zu schlafen. Den Gerüchten entgegen schlafen Kühe sehr gerne im Liegen, also fand sie etwas Moos an einem Baum und schlief ein, etwas besorgt aber in Freiheit.
Sie erwachte, als ein Vogel ihren letzten Schuh klaute.
– Hey was soll das?
– Ich bin hier das Opfer, nicht du, Kuh!
– Hä?
– Du kannst dir Schuhe leisten, ich habe die Ausbildung zum Elektriker nicht geschafft, also muss ich nun stehlen.
– Und was machst du mit all den Schuhen?
– Ich verkaufe sie an einen Frosch.
– Alles klar. Sag mir nur, in welche Richtung es hier Wasser gibt.
– Richtung Sonne. Das nennt man Osten. Halbe Stunde.
– Danke, Dieb.
– Kein Problem, privilegierte Kuh.
Annemuhrie fand tatsächlich nach weniger als 20 Minuten (ohne Schuhe lief sie schneller) einen Fluss, und es war einer dieser Flüsse, in denen das Wasser noch blau war. Noch nie hatte sie so gutes Wasser, so ganz ohne Kuhfladen getrunken. Alles, was sie nun brauchte, war eine Lichtung im Walde mit Gras und eine grobe Orientierung, und ihr Leben als freie Kuh würde beginnen. Sie sah einen Fisch.
– Hey Fisch.
– Blubb.
– Sag mal, gibt es hier im Wald eine versteckte Lichtung in Flussnähe, wo eine Kuh in Ruhe ihre Jahre ausleben könnte?
– Blubb.
Annemuhrie war sich nicht sicher, ob in der Sprache der Fische „Blubb“ „ja“ bedeuten könnte, denn beide ihrer Fragen hätten so beantwortet werden können. Sie machte einen Test.
– Bist du ein Vogel?
– Blubb.
Ab hier war klar, Tiere können sprechen, es sei denn, es sind Fische.
Annemuhrie entschloss sich, den Fluss entlangzugehen, denn Dinge entlangzulaufen und Glück zu haben hatte sich bisher sehr für sie gelohnt. Bald traf sie auf einen Fuchs.
– Hey Fuchs.
– Bleib weg, ich habe Tollwut.
– Was ist Tollwut?
– Das willst du gar nicht wissen, glaub mir.
– Weißt du, wo es hier eine im Wald versteckte Lichtung gibt? So für eine Kuh zum Leben.
– Ich habe Tollwut, ich weiß nicht einmal mehr, wieviele Beine ich habe.
– Du solltest vielleicht etwas Wasser trinken.
Bei der Erwähnung von Wasser rannte der Fuchs davon, was zwar Annemuhrie nicht verstand, Menschen, die den Wikipedia-Artikel über Tollwut gelesen haben, aber schon.
Weiter ging es den Fluss entlang, bis Annemuhrie im dunklen Wald an eine Brücke gelangte, und sich erhoffte, auf der anderen Seite eine Weide in Flussnähe zu finden. Ihr Problem bestand in den beiden Rittern, die die Brücke bewachten, denn in dieser Geschichte wurde Elektrizität sehr früh erfunden. Sie erklärten, dass einer von Ihnen immer log, der andere immer die Wahrheit sagte.
– Warum macht ihr das?
– So hat man uns erfunden.
– So hat man uns erfunden.
– Okay, und gibt es auf der anderen Seite nun eine Weide in Flussnähe, auf der eine Kuh in Ruhe leben könnte?
– Ja.
– Nein.
Da stand sie nun, die Annemuhrie, und überlegte.
– Wenn ihr eine Kuh mit einem derartigen Wunsch wärt, was würdet ihr tun?
– Umkehren.
– Umkehren.
Also, dachte sich Annemuhrie, wenn der eine Ritter, der immer lügt, sagt, sie solle umkehren, dann sollte sie weitergehen. Aber wenn der andere Ritter, der immer die Wahrheit sagt, auch sagt, sie solle umkehren, dann sollte sie besser die Brücke nicht überqueren. Dafür gab es nur eine Erklärung:
– Ihr beiden habt keine Ahnung, was auf der anderen Seite der Brücke ist, ihr steht hier schon immer und habt euch noch nie umgedreht.
– Stimmt.
– Lüge!
Man merkte in den Rittern aber eine gewisse Unruhe, und Annemuhrie hatte erfasst, dass der Ritter, der links stand, die Wahrheit sagte. So überquerte sie in Frieden die Brücke, während zwischen den Rittern ein Streit ausbrach, was nun schiefgelaufen war, der darin endete, dass sie sich trennten und von nun an an verschiedenen Brücken standen, was bei der einen Brücke sehr hilfreich war und bei der anderen sehr schnell ignoriert wurde.
Annemuhrie fand nun endlich die gewünschte Lichtung in Flussnähe und hatte ihr Zuhause gefunden. Mit der Zeit freundete sie sich mit den dortigen Tieren an, nur leider der Fuchs wagte sich nicht über die Brücke. Sie war frei und lebte ein langes, zufriedenes Leben, und als ein Ochse aus einer naheliegenden Metzgerei ausbrach, begründeten die beiden eine Paarhuferart, die vor allen durch den Drang zur persönlichen Freiheit und Kooperation zu charakterisieren ist.,
Sollten Sie also jemals an eine Brücke kommen, an der ein einzelner Ritter steht, stellen Sie ihm eine Frage, deren Antwort sie wissen, und achten sie auf ein zufriedenes Muhen im Walde, denn mit etwas Glück und Verstand kann man selbst als einfache Kuh seine Ziele erreichen.
Das war’s auch schon. Manche Geschichten wollen einfach nur unterhalten und eine kurze Pause von der Realität bieten, nicht alle Kunst muss den tiefsten Sinn haben, ich würde sogar sagen, dass, wenn etwas so viel Ziel hat, dass es nicht mehr zur Unterhaltung taugt, das Ziel ironischerweise verfehlt wird.
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